Montag, 13. Februar 2012

Patagonien II - Parque Nacional Los Glaciares (Arg)

































































Am Samstag fuhren wir drei, also die Maedels und ich dann mit einem Bus ueber die Grenze nach Argentinien. In elf Stunden ging es dann durch oede, schier endlose Weiten bis nach El Chalten.

El Chalten dient als Basislager zum Nordabschnitt des Nationalparks "Los Glaciares". Haette das Trampen in Chile mehr Zeit in Anspruch genommen, waer ich gar nicht hier. So aber entschied ich mich, am Sonntag mit den anderen zu Wandern. Ich
sollte es nicht bereuen...

Am Samstag stiess noch Fabian aus Bayreuth zu unserer Gruppe dazu. Da Eva und Tatjana eine andere Route abwandern wollten, verabschiedeten wir uns am Sonntag Vormittag. Mit Fabian marschierte ich dann los in Richtung Fitz Roy, dem vielleicht spektakulaersten, auf jeden Fall beruehmtesten Bergmassiv im argentinischen Teil Patagoniens.

Insgesamt zehn Stunden dauerte es, bis ich wieder zurueck sein wuerde. Was wir auf dem Weg zu Sehen bekamen gehoerte zu dem Schoensten meiner Reise. Mal wieder. Die beiden Gletscherseen Lago dos Tres und Lago Suiza direkt vor dem Massiv des Fitz Roy werde ich mein ganzes Leben nicht vergessen. Durch Fabians Bergsteiger-Erfahrungen angeheizt verliessen wir dann den Wanderweg und kletterten am Seitenabschnitt des Berges, der vor dem Fitz Roy liegt, bis zum gruenen Lago Suiza hinunter. Es war spektakulaer und wir hatten Sauglueck mit dem Wetter. Normalerweise ist dieser Teil oft durch Nebel oder Regenwolken total verschleiert. Wir aber genossen den ganzen Tag ueber klarste Sicht.

Nachdem ich Fabian gegen neunzehn Uhr am Basiscamp zurueck liess, wo er sein Zelt aufgeschlagen hatte (meines wurde ja auf ner Kuhwiese von mir zurueck gelassen), ging ich allein in anderthalb Stunden zurueck nach El Chalten. Im Hostel ass ich eine Pizza und fuehlte mich ein wenig verloren, da ich nun drei Tage mit den Maedels unterwegs gewesen war. Nun sass ich dort allein. Auf einmal klopfte es an der Fensterscheibe und Eva und Tatjana grinsten mich an. Da sie auf ihrer Route schlechtes Wetter erwischt hatten und sich verliefen waren sie zurueck gekommen. Pech fuer sie, Glueck fuer mich. So hatten wir also noch einen Abend zum Quatschen. Zudem konnte ich feststellen, dass ich immer noch in der Lage bin, jemanden zu massieren und das mit viel Zuspruch... :-)

Am Montagmittag begleiteten mich die Zwei noch zum Busterminal. Von dort fuhr ich weiter nach El Calafate, der Stadt am Suedteil des Nationalparks und dem Ausgangspunkt zum wandernden Perito Moreno Gletscher.

Dort mietete ich nachmittags einen Fiat Uno. Wenn es zum Gletscher ging, dann bestimmt nicht in einem mit Touristen voll gerammelten Tourbus. Ueberraschend tauchte am Abend Fabian in El Calafate auf, er hatte den Hike im Nordteil wegen des dort aufziehenden Regens abgebrochen. Hier aber war das Wetter sehr gut.

Also fuhren er und ich gemeinsam am Dienstag im Mietwagen zum Perito Moreno Gletscher, Thea aus Bremen war auch noch dabei. Das Besondere am Gletscher: er ist ein hochaktiver Eisberg, jeden Tag dehnt er sich um zwei Meter aus. Er wandert sozusagen. Trotz der globalen Erwaermung gilt der Perito Moreno als einer der wenigsten Riesengletscher weltweit als stabil.

Nach nur einer Stunde Fahrt in dem altertuemlich angehauchten Fiat kam der Gletscher zum ersten Mal zum Vorschein. Mit Vorfreude fuhren wir weiter, bis wir die Querseite der Eisschicht erreicht hatten. Insgesamt 60 Meter hoch, fast 30 km lang und zwei Kilometer breit: die Dimensionen waren fast nicht begreifbar.

Das Beeindruckenste war aber zu Spueren, wie aktiv der Gletscher arbeitet. Es knackte und drueckte ueberall. Nach langem Warten erlebten wir, wie ein riesieges Teilstueck an der Querseite, genau vor uns, nachgab und krachend ins Wasser stuerzte. Dieser Moment blieb der absolute Hoehepunkt des Tages, zum Glueck gelang es mir ein Video zu machen (seht ihr unten).

Nachmittags nutzten wir das Auto noch fuer einen Abstecher durch die Pampa am Rande des Nationalparks. Wir sahen eine vom Rest der Welt verlassene Estancia, wilde Pferde und sogar die Strausse, die hier in der winddurchzogenen Steppe leben. Und ich konnte endlich doch noch Auto fahren, wenn auch nur fuer einen Tag.

Am Abend beschloss Fabian, nochmals mit mir weiter zu fahren. Mit einem Bus geht es also am Mittwoch weiter, wieder nach Chile hinein. Fuer mich also weiter und weiter nach Sueden, dem Ende der Welt entgegen. Ushuaia, Feuerland...

Doch erst wartet in Chile das naechste Naturparadies Patagoniens: der Nationalpark Torres del Paine. Und das heisst - echtes Wandern, vier Tage lang.




Donnerstag, 9. Februar 2012

Patagonien I - Trampen auf der Carretera Austral




























































































































































































Aus dem Reisetagebuch, Mo, 6.02. bis Sa, 11.02.:

Mo, 6.2.:
Morgens vom Hippieort El Bolson per Bus nach Sueden. In Esquel habe ich fuenf Stunden zu warten bis der Bus nach Chile abfaehrt. Ich entscheide mich fuer den Kauf eines Zeltes fuer umgerechnet
hundert Euro. Bei dem, was vor mir liegt wird es mir sicher gute Dienste leisten. Der Bus bis zum ersten chilenischen Ort hinter der Grenze entpuppt sich als Klapperkiste. Schon hier ist die Strasse nur geschottert. Es wird rau, aber die Landschaft mit Bergen, von Rinderherden bewohnten Weiden und dem azurblauen Fluss Rio Futalau entschaedigt nicht nur. Sie ist der Grund fuer die Strapazen die wohl nun eine Woche lang vor mir liegen.

Am Grenzuebergang durchsucht ein chilenischer Beamter sogar das Innere meiner Brieftasche, koennten ja Aepfel oder Drogen versteckt sein. Ich lerne zwei Backpackerinnen aus Oesterreich kennen. Sie wollen ebenfalls per Anhalter nach Sueden. Ich bin also nicht der einzig Verrueckte. Bei der Ankunft in Futaleufu wuenschen wir uns viel Glueck. Die Zwei wollen in ein Hostel. Ich mein neues Zelt einweihen.

Abends baue ich mein Zelt am Fluss auf einem Gratis Campinggelaende mit Baeumen auf. Fuenf Meter vom Fluss entfernt liege ich nun im Zelt. Der Vollmond laesst das Wasser glitzern und die Sterne geben ihr Bestes mitzuhalten. Morgen zum ersten Mal den Daumen raushalten, die Carretera Austral selbst liegt noch 75 km weiter westlich. Dort muss ich morgen hin. Ich bin aufgeregt. Aber auch bereit. Zum Pletschern des Rio Futalau schlafe ich ein. Das kann was werden...

Di, 7.2.:
Um sieben Uhr wache ich auf. Trotz naechtlicher Kaelte ganz gut ausgeruht. Um halb neun stehe ich an der Schotterstrasse Richtung Westen. Eine Stunde lang brausen die Autos nur vorbei, und die Fahrer geben mir entmutigende Handzeichen, das ich lieber umdrehen solle. Umdrehen ist nicht, in Argentinien war ich ja grad erst.

Mir begegnen zwei Gauchos mit ihrer Rinderherde. Und Autos fahren vorbei. Ich werde schon unruhig als ein Transporter mit Anhaenger, auf dem sechs grosse Kanus liegen, langsam zum Stehen kommt. Drei junge Chilenen sitzen drin. "Fuer 20 km koennen wir dich mitnehmen. Weiter fahren wir nicht." Ich steige natuerlich ein und wir fahren am strahlenden Rio Azur entlang. Schliesslich halten wir, die drei gehen Kanu fahren. Ich bedanke mich und gehe zu Fuss weiter. Etwa zwanzig Minuten, es nieselt wieder. Ein paar Autos rasen grusslos vorbei. Dann haelt ein weisser PickUp...

Der Fahrer, ein Mann mittleren Alters weist zurecht darauf hin, dass das Auto voll sei. Ich frage mich schon warum er dann anhielt als er auf die Ladeflaeche zeigt. Der meint das ernst. Also steige ich auf. Und viel zu schnell rasen wir weiter. So sitze ich also bei Tempo 60 (Tempo 60 auf einer mit Loechern uebersaeten Staub- und Schotterpiste wohlgemerkt) mitten in Nordpatagonien und rase an einer der wildesten Szenerien vorbei, die ich jemals gesehen habe. Berge und ein Fjord tun sich neben uns auf. Netterweise nimmt mich der Mann umsonst bis zur Abzweigung der Carretera Austral nach Sueden mit, nach Santa Lucia. Wo ich realistischer Weise vor zwei Stunden noch mein Tagesziel angepeilt hatte. Und nun bin ich schon mittags hier. Es gibt einen Schutzengel.

Aber hier endet die Gluecksstraehne kurz. Unter einem Wellblechdach, das die lokale Bushaltestelle ueberdacht (welche keinen Sinn ergibt, da keine Busse fahren) stehen sieben Backpacker. Zwei von ihnen, zwei Israelis, warten seit vierzehn Stunden, seit gestern Abend darauf, das ein Auto anhaelt. Aber sie wollen Richtung Norden und ich nach Sueden, vielleicht ist das ja einfacher. Ist es nicht. Fast vier Stunden stehe ich mit wechselnder Begleitung aus Neuseeland, Chile, Frankreich und auch den beiden Maedels aus Oesterreich von gestern unter dem dummen Dach. Ploetzlich schleichen sie durch den Regen auf uns zu, und als ich sie wieder erkenne muss ich lachen. Der Regen wird immer schlimmer. Doch die Oesterreicherinnen zeigen Kampfgeist und hetzen langsamer werdenden Autos hinterher. Bis sie schliesslich Erfolg haben. Das imponiert mir. Um 15.40 renne ich einem langsamer werdenden Jeep hinterher. Und das Fenster oeffnet sich. Ein junges chilenisches Ehepaar sieht mich an. "Wohin solls denn gehen?" "Nach Sueden." "Wir fahren ueber La Junta. Steig ein." Der Kampfgeist hat gesiegt. Mit Paulo und Giselle fahre ich die 90 Kilometer nach Sueden und wir passieren wild reissende azurblaue Fluesse und Rinderherden, die teilweise die Carretera Austral blockieren. Aber am spaeten Nachmittag erreichen wir La Junta.

Da mein Zelt von der Wartezeit am Mittag und dem Wandern am Morgen nass ist, bleibe ich in einem Hostel. Eigentlich ist es ein Familienhaus, aber im ersten Stock gibt es Mehrbettzimmer. Wieder lerne ich drei Israelis kennen. Sie kommen aus dem Sueden und sagen, dass der Abschnitt der Carretera beim Nationalpark Queulat, den ich morgen trampen will, der Schoenste der ganzen Route sei. Muede und abgekaempft gehe ich frueh schlafen. Aber auch zufrieden: ich habe 170 Kilometer hingelegt, ohne einen Peso fuer den Transport zu bezahlen. Aber noch wichtiger: ich tue etwas ausserhalb der Pauschaltouristen Lethargie. Es ist das, was ich gesucht habe: ein Abenteuer.

Mi, 8.2.:
Und es bleibt eines. Nach zwei staerkenden Tassen Kaffee breche ich um kurz vor neun auf. Ich laufe etwa zwei Kilometer und kaum habe ich den Daumen oben nimmt mich Gustavo mit. Hinten auf dem PickUp ein Golden Retriever. Gustavo ist etwa 60 und lebt in La Junta. Er war mal in Colorado und auch in Kalifornien. Seither sei er wenig gereist, sagt er. Nach etwa zehn Kilometern ist Schicht, Gustavo biegt zum Fischen ab. Ich gehe weiter und postiere mich neu. Heute ist ein Sommertag, angenehmes Sonnenwetter und kein Regentropfen. Wenn ich da an gestern denke...

Ich warte und warte aber alle Autos brettern vorbei, obwohl sie teilweise fast leer sind. Dann wandere ich wieder ein Stueck. Und warte wieder. Wandern. Warten. Wandern. Warten. So geht das fast vier Stunden. Als ich schon an Langeweile trotz der Umgebung krepieren will, haelt ein altes chilenisches Ehepaar an. In gemaechlichem Tempo nehmen sie mich mit bis zum Seeort Puyuhuaupi. Dort angekommen statte ich mich erst mal mit reichlich Proviant aus. Brot, Bananen, Saft und Milch. Dann, um kurz nach drei gehe ich den See entlang. An einer Kurve mit tollem Ausblick stelle ich mich wieder bereit. Nach knapp anderthalb Stunden haelt ein weisser Kastenwagen von Toyota. Ein aelterer Mann mit Tochter bitten mich herein. Sie kommen aus Santiago und machen hier zwei Wochen Urlaub. Die Tochter, Ende zwanzig, schwanger - aber ohne Ehering (in Chile ist DAS durchaus bemerkenswert, erzkonservatives Land) fragt wie weit ich moechte. "So weit wie moeglich nach Sueden", sage ich. Was dann folgt, ist mit Worten schwer beschreibbar.

Ohne hinterher einen Peso zu verlangen nehmen sie mich ueber zwei Stunden und fast hundert Kilometer mit. Durch die abwechsungsreichste Landschaft der Carretera Austral. Die Israelis gestern haben nicht geflunkert. Wir fahren am Fjord Queulat vorbei und eine Gruppe Delfine, die vom Pazifik einen Abstecher gemacht haben muss, springt in der Ferne neben uns her. Wir fahren durch Farne, fast wie im Regenwald. Dann azurblaue und sogar gruene Gebirgsfluesse. Reissende Stromschnellen. Bergkuppen. Und dann, als ob das nicht genug waer, Gletscherzungen auf den hoechsten Gipfeln.

Es ist fast zu viel um alles zu erfassen. Nachdem wir das Spektakulaerste hinter uns haben erreichen wir eine Siedlung namens Villa Amengual. Hier bitte ich meine neuen Freunde mich abzusetzen. Es ist halb acht. Hinter der Siedlung liegt neben der Strasse eine eingezaeunte Weide am Wald. Ich steige ueber den Zaun und baue mein Zelt an einem windgeschuetzten Platz auf. Nun ist es bereits elf Uhr und erst jetzt wird es richtig dunkel. Logisch, je weiter ich nach Sueden komme desto kuerzer werden die Naechte. Auf Feuerland sei es von ein Uhr nachts bis vier Uhr morgens dunkel, sonst taghell erzaehlte mir letzte Woche ein Backpacker in Puerto Montt. Ich bin gespannt. Nun kommt der patagonische Sternenhimmel zum Vorschein. Von weitem rauscht ein Gebirgsfluss herueber. Ich habe in drei Fahrten fast 170 Kilometer geschafft. Und neben Iguazu ist die Carretera Austral das Beste, was meine Reise zu bieten hat. Und alles nur, weil ich die schwere Route erleben wollte, eben wegen der Schoenheit und Abgeschiedenheit vom Durchschnittsbackpacker Trip.

Wild. Rau. Wunderschoen. Morgen frueh geht es weiter, per Anhalter. Die einzige Stadt, an der Carretera Austral, Coyhaique mit 40 Tausend Einwohnern, ist noch 138 Kilometer entfernt. Dort will ich es morgen hinschaffen. Und danach noch weiter nach Sueden. Ich hoffe mein Schutzengel bleibt auch morgen bei mir.

Do, 9.2.:
Tja, er bleibt mir erhalten. Hat aber verschlafen. In den fruehen Morgenstunden friere ich mir im Zelt den Hintern ab und wundere mich, warum es SO kalt ist. Mein Schlafsack ist von aussen feucht, aber warum? Es hat nicht geregnet und es regnet auch jetzt nicht. Da sehe ich das eine Zeltseite komplett undicht ist, am Boden. Das auf dem Schlafsack ist Reif. Durch die Kaelte ueberall. Ich stehe um sieben entnervt und unterkuehlt auf. So kann ich das Ding nicht mehr gebrauchen, dort wohin ich fahre wird es noch viel kaelter als hier. Schwere aber einzig richtige Entscheidung: das kaputte Zelt bleibt dort. Schade um die hundert Euro...

Ich gehe frierend ein Stueck durch den morgigen Nebel. An einer Abzweigung bleibe ich stehen. Es sind knapp ueber 130 Km bis nach Coyhaique. Das wird ein langer Tag, geht es mir durch den Kopf. Die ersten vier Autos rasen vorbei. Es ist noch frueh, kaum Verkehr. Aber dann bremst ein Lieferwagen mit holzverkleideter Ladeflaeche ab. Vorne sitzen der Fahrer sowie Frau und Tochter. Kein Platz fuer mich. Aber die Ladeflaeche (nicht ueberdacht) ist leer. Der Fahrer oeffnet die Hintertuer und ich springe auf. Fuer eine halbe Stunde rase ich also auf einem Kleinlaster durch den eiskalten patagonischen Morgen. Aber vor Aufregung pumpt mein Herz so schnell, das ich das Frieren gerne in Kauf nehme.

60 Kilometer und dann der erste Ort. Unser Laster haelt zum Tanken, danach muss er woanders hin. Ich bedanke mich und gehe in eine nebenan geoeffnete Panaderia. Das Brot und der heisse Kaffee tun unglaublich gut nach der Fahrt und der Nacht.

Dann latsche ich ein wenig weiter und halte den Daumen raus. Und zweieinhalb Stunden spaeter bin ich am Ziel des Tages. Um halb eins mittags. Warum? Dank Larissa, einer etwa 30 jaehrigen Chilenin die in Aisen wohnt und mich fast 60 Kilometer mitnimmt. Und wenig spaeter ein irrer junger Mann mit tiefer gelegtem Mustang und chilenischen Balladen in Discolautstaerke, die nicht recht zu den blauen Alufelgen und dem ueber und ueber mit Tattoos verziertem Mann passen wollen. Aber nett ist er, wenn auch wahnsinnig am Steuer. So oft wie er die Nase hochzieht und nervoes mit den Haenden fuchtelt scheint er jene nicht nur zum Einatmen zu benutzen. Mir soll es recht sein, nach zwanzig Kilometern sind wir in Coyhaique. Und ich kann mein Glueck kaum fassen.

Aller guten Dinge sind also Drei. In drei Tagen bin ich auf einer der unbezaehmbarsten Strasse des Kontinents erfolgreich ueber 400 Kilometer nach Sueden getrampt. Ich habe nicht einen Peso fuer den Transport bezahlt. Jeden Tag fanden sich drei Mitfahrgelegenheiten.

Aber ein Blick auf die Landkarte und ein Blick auf die Entfernung zu meinem absoluten Ziel, Ushuaia auf Feuerland, sagen mir ich sollte mein Glueck nicht ueber strapazieren. Es wuerde zu lange dauern noch weiter zu trampen. Also kaufe ich ein Ticket fuer einen Kleinbus ins 130 Km entfernte Puerto Ibanez. Von dort werde ich mit einem Schiff ueber den Lago General Carrera nach Chile Chico an der argentinischen Grenze fahren.

Ich finde ein preiswertes altertuemliches Zimmer in Coyahique. Eine alte Dame, die aussieht wie die toupierte Hexe aus ,Die Hexe und der Zauberer' vermietet im Familienhaus ein paar Zimmer. Eine Katze wohnt hier auch, im Hinterhof gackern Huehner.

Abends sitze ich mit Jean, einem Backpacker aus Paris zusammen. Wir trinken den guten chilenischen Rotwein und sprechen ueber das Leben. Auf franzoesisch, bien sur. Die Dame mache das beste Fruehstueck in ganz Chile, sagt er. Es ist im Preis mit drin. Ich bin gespannt.

Aber vor allem froh, den Trip so schnell und glimpflich gepackt zu haben. Und heute Nacht in einem Bett zu schlafen. Ein Fruehstueck serviert zu bekommen. Und AUSZUSCHLAFEN. Mein Bus faehrt erst nachmittags um vier. Weiter nach Sueden...

Fr, 10.2.:
Ausgeschlafen wache ich auf. Das Fruehstueck ist zwar gut, aber SO toll wie der Franzose sagte dann auch wieder nicht. Den Tag lang spreche ich viel mit der Familie im Haus. Und mit Jean ueber unsere bisherigen Erlebnisse in Chile. Nachmittags mit einem guenstigen Kleinbus nach Puerto Ibanez. Dort startet abends um sieben Uhr die Faehre nach Chile Chico. Am Hafen winkt mir ein blondes Maedel zu. Ich bilde mir schon was aug mein Aussehen ein als ich sie erkenne. Die beiden Oesterreicherinnen steigen auf die gleiche Faehre, zum dritten Mal treffen wir uns aus Zufall wieder.

Die Faehrfahrt bietet noch mal einen grandiosen Blick auf die chilenische Wildnis. Und einen wieder einmal kitschigen Sonnenuntergabg. Abends kommen wir zu dritt noch in einem Zimmer in einer Familienpension unter. Bei einem Bier lerne ich Tatjana und Eva dann besser kennen. Coole Maedels. Zu zweit reisen die Damen aus Innsbruck schon ein zweites Mal durch den Kontinent. Morgen werden wir zu dritt mit einem Bus nach Argentinien fahren. Nach Sueden, in Richtung El Chalten.

Die Carretera Austral ist fuer mich gepackt. Es war eine grandiose Woche. Und das was ich gesucht hatte - ein Abenteuer!





Samstag, 4. Februar 2012

Los Lagos a Bariloche (Argentina)
























































Hola ihr alle,

nach den anstrengenden Tagen mit Arg war ich letzten Dienstag ganz erleichtert, als ich ohne ihn in den Bus stieg. In einer langen Fahrt ging es ueber Nacht insgesamt 1.340 Kilometer weiter nach Sueden. Am naechsten Morgen um 8 Uhr kamen wir in Puerto Montt an.

Puerto Montt ist so etwas wie die letzte Bastion des bewohnten Chile. Weiter suedlich gibt es nur noch eine einzige Strasse, wobei diese nicht durchgehend asphaltiert, sondern groesstenteils geschottert angelegt wurde: die Carretera Austral. Die Kleinstadt Puerto Montt bietet nicht sehr viel, aber bereits hier zeichneten sich die ersten klimatischen Anzeichen Patagoniens ab. Leichter Nieselregen und 18 Grad, nach Santiago und Valparaiso war das eine heftige Umstellung. Fuer alle Chilenen, die suedlicher leben, heisst es bei Fahrten hier her immer noch "Wir fahren nach Chile." So weit weg leben sie vom Rest der Welt.

Bereits am naechsten Tag nahm ich den naechsten Bus, nach Osten und hinein nach Argentinien. Seit Anfang November, als ich nach Paraguay hinein fuhr, war ich nicht mehr im Land. Und mein Ziel, Bariloche, hielt was es laut Geruechten und Infos anderer Traveller verspricht. Bariloche ist Ausgangspunkt und Zentrum des Nationalpark Nahuel Huapi. Dieser Park bietet viele in allen Blautoenen erstrahlende Hoehenseen und Berge bis zu 2.500 Metern Hoehe. Im Winter ist es Argentiniens Wintersportmekka Nummer eins, im Sommer kommen Wanderer, Kayakfahrer, Angler und ich. Erinnerungen an vorherige Trips in Kanada und der Schweiz wurden wach.

Am Freitag in aller Frueh machte ich mich auf den Weg, um die Wildnis zu erkunden. Insgesamt wanderte ich etwa vierzehn Kilometer durch den Westabschnitt des Parks. Bereits am zweiten See nahm ich ein kuehles Bad. Ich glaube ich habe in der Natur noch nie so sauberes und klares Wasser gesehen. Es war extrem kalt, aber die Abkuehlung zeichnete sich spaeter ab dem Mittag noch aus. Es wurde heisser als ich erwartet hatte, fast 30 Grad. Der Norden Patagoniens ist klimatisch also noch kontinental und weniger extrem als weiter in Richtung Feuerland. Die zahlreichen Nadelwaelder boten aber doch noch etwas Abkuehlung. Teilweise kam ich mir vor, als sei ich der einzige Mensch innerhalb von hundert Kilometern. Keine Motorengeraeusche oder Stimmen, nur das Rauschen der Baeume. Vogelzwitschern hier und da. Und alle paar Kilometer blitzte durch den dichten Wald einer der zahlreichen Seen hindurch. Fantastisch...





Am Nachmittag wurde es merklich voller und die Wanderwege wurden nun von Familien besetzt, auch Mountainbiker waren unterwegs. Da ich dem Trubel entgehen wollte bog ich rechts auf einen Schotterweg ab. Und hier kam ich zu einer Estancia, einer klassischen argentinischen Gaucho-Farm. Und wer begegnete mir? Ein alter Mann um die siebzig, mit drei Hunden und einem weissen Pferd. Er oeffnete gerade ein Holztor, trat mit den Tieren auf die Weide, schwang sich in den Sattel und trabte davon. Mein erster richtiger Gaucho auf der Reise, und hoffentlich nicht der Letzte. Wenig spaeter erreichte ich die Ortschaft Colonia Suiza. Tatsaechlich wurde der Ort Anfang des 20. Jahrhunderts hauptsaechlich von Auswanderern aus den Alpen besiedelt. Was es hier heute gibt, ist Schokolade von Weltklasse-Format. Ueberzuckert und muede fuhr ich abends per Nahverkehrsbus zurueck nach Bariloche.

Die Stadt bietet neben der Lage besonders eins: Essen. Die Pizza und Pasta sind so gut wie in Italien, das Eis ebenso. Die Schokolade so gut wie in der Schweiz. Und die Steaks? Am Abend ass ich mein drittes in Argentinien, und ja, alle Geruechte sind wahr: Argentinien bietet das beste und leckerste Rindfleisch der Welt. Es ist einfach anders, und einfach besser als in Europa oder sonstwo. Was auch immer sie tun um das zu schaffen, sie tun das Richtige.

Abends im Hostel merkte ich, das hier fast nur Argentinier wohnen. Aber dann traf ich noch Jeanette aus Paris. Ausser meine Franzoesisch Kenntnisse aufzufrischen lernten wir dann auch noch die Qualitaeten des argentinischen Rotweins kennen. Nach Monaten, in denen ich fast nur von Pollo con Arroz (Huehnchen und Reis) gelebt habe, tut es gut wieder richtig gutes Essen und Trinken auf den Tisch zu bekommen.

Heute, am Samstag, ging es dann per Skilift auf den Cerro Otto. Von diesem 1.400 Meter hohen Berg in der Naehe von Bariloche bot sich mir ein toller Blick auf den Nationalpark. Egal, wie oft ich waehrend der Reise denke "nein, das laesst sich nicht mehr toppen oder erreichen". Suedamerika bemueht sich erfolgreich, mich eines Bessere zu belehren. Atemberaubende Natur. Drei Stunden wanderte ich durch die Waelder auf dem Berg. Zusammen mit Pablo aus Buenos Aires ging es dann zurueck zum Hostel.

Gerade schauen wir Barca gg Sociedad und nachher werde ich die hiesige Pizza probieren. Morgen fahre ich dann, ihr ahnt es schon, Bus. (Busfahrten in Suedamerika werden irgendwann ein eigenes Kapitel bekommen, das haben sie bei der blossen Menge verdient)

Es geht nach Sueden. Von nun an gibt es ein ultimatives Ziel vor Augen: Ushuaia, die suedlichste Ortschaft der Welt. Auf Feuerland, nur noch von zerkluefteten Inseln und Kap Horn umgeben. Weiter suedlich gibt es dann die Antarktis, mehr nicht. Aber bis es soweit ist wartet noch ein langer Weg. Morgen geht es zunaechst nach El Bolson. Dort moechte ich einen Tag die dortige Hippie-Kommune besuchen, wo das Gras gut und guenstig und die Leute entspannt wie in Amsterdam sein sollen. Am Montag dann weiter gen Suedwesten, wieder nach Chile hinein. Und dann folgt wohl einer der aufregendsten Abschnitte der ganzen Reise. Ich plane, per Anhalter die Carretera Austral soweit es geht nach Sueden zu trampen. Viele Traveller versuchen es und es soll angeblich nicht sehr schwierig sein. Busse befahren die Strecke nicht, sie ist zu rau!




Die Landschaft dort zaehlt zu den spannendsten und unerschlossensten der Welt: Gletscher, Fjorde, Bergseen, Pampa... es wird auf jeden Fall abenteuerlich!

Wuenscht mir Erfolg...